Rezension: Phantasmen von Kai Meyer

Eines Tages tauchten sie aus dem Nichts auf - die Geister der Toten. Millionen auf der ganzen Welt, und stündlich werden es mehr. Sie stehen da, bewegungslos, leuchtend, ungefährlich. An der Absturzstelle eines Flugzeugs, mitten in Europas einziger Wüste, warten zwei junge Frauen auf die Geister ihrer verunglückten Eltern. Rain hofft, die Begegnung wird ihrer jüngeren Schwester Emma helfen, Abschied zu nehmen. Auch Tyler, ein schweigsamer Norweger, ist auf seinem Motorrad nach Spanien gekommen, um ein letztes Mal seine große Liebe Flavie zu sehen. Dann erscheinen die Geister. Doch diesmal lächeln sie. Und es ist ein böses Lächeln.



Der Einstieg ist schön gestaltet, man findet schnell in die Geschichte der beiden Schwestern rein, die mitten in der Spanischen Wüste die Geister ihrer Eltern besuchen wollen. Nach einem kurzen Rückblick zu Tag 0, der erklärt wann die Geister erschienen sind und was sie tun, gibt es einen rasanten Einstieg in die Geschehnisse


Ich habe von einigen gehört die besonders die Protragonistin Rain bemängeln. Bei mir ist das nicht der Fall. Ich habe sie nicht als nervig oder gekünzelt empfunden sondern als ein ganz normales Mädchen und genau das ist vielleicht das Problem das viele mit ihr haben. Sie ist nicht herausstechend in ihren Eigenschaften. Sie ist nicht herausragend intelligent oder herausragend mutig, sie ist keine typische Protagonistin, denn wenn Mädchen die Hauptrolle in eine Roman spielen sind sie meistens sehr taff, stark und haben eine vorlaute Klappe. Mit alledem kann Rain nicht dienen. Aber genau das war es, was ich an ihr so mochte und was dieser phantastischen Geschichte eine Hauch von Realismus verleiht und dafür schätze ich "die ganz normale Rain" (zumindest den Umständen entsprechend).
Ihre kleine Schwester ist dafür weniger normal. Emotionen hat sie fast nicht, sie sieht die ganze Welt mit sehr nüchternen Augen und manchmal ein wenig naiv, sie denkt anders als andere. Bei seiner Lesung, die ich in Köln besucht habe sagte Kai Meyer, er hätte Emma mit Anlehnung an Menschen mit Asperger Syndrom konstruiert, das wird zwar an keiner Stelle erwähnt aber es gibt einem einen recht guten Eindruck von dem intelligenten Mädchen, welches offen über alles spricht, was es denkt.
Wer allgemein tiefgründige Charaktere und ausgearbeitete Entwicklungen sucht ist hier nicht richtig, denn auch wenn die Charaktere sympathisch sind ist die Handlung einfach zu schnell als das diese zustande kommen könnte. Das tut der Geschichte aber keinen Abbruch


Wenn ich die Handlung mit drei Wörtern beschreiben müsste dann würde ich sagen: Düster, Rasant und Spannend. Düster, denn wir befinden sich in einem Szenarium der Apokalypse und von Beginn bis zum Ende des Buches nimmt der Verfall der Welt wie wir sie kennen immer mehr zu, ich denke, dass es sich bei Phantasmen um das dunkelste von Kai Meyers Büchern handelt.
Rasant, weil die Geschichte sich nicht lange mit unnötigen Szenen aufhält. Man hat das Gefühl, dass jeder einzelne Satz die Handlung vorantreibt. Längen sind hier ein Fremdwort. Hand in Hand mit diesem rasanten Ablauf der Geschehnisse findet man die Spannung. Wer etwas ruhiges, besinnliches mit Friede-Freude-Eierkuchen-Gefühl sucht ist hier wohl nicht gut aufgehoben.

Ich möchte nicht zu viel über den Schluss sagen, nur: Es ist kein klassisches Happy-End. Wer darauf wartet sollte gar nicht erst zu dem Buch greifen. Mich stört das aber nicht. ich finde das Ende sogar sehr passend zur gesamten Stimmung gestaltet. Etwas anderes hätte auch einfach nicht hierzu gepasst.



Dieses Buch ist seit langer Zeit eines der wenigen Bücher, die der Autor aus der Ich-Perspektive erzählt, Und dann auch noch als Mädchen! Dieses Experiment ist voll gelungen. Kai Meyers Schreibstil war und ist einfach großartig. Nicht das gewöhnliche Platte Fantasy-Gequatsche, keine blumigen Umschreibungen aber genauso wenig würde ich seinen Stil als einfach beschreiben. Jeder Satz scheint kalkuliert und ausgearbeitet, ist angenehm zu lesen und dennoch finde ich, dass der Begriff "Wortkünstler" zu ihm passt. Mit Recht ist er einer der großen deutschen Autoren!



Phantasmen in drei Worten bedeutet: Rasant, Spannend und Düster. Ich mochte die Protagonistin Rain, die ganz anders ist als die typische Buchheldin, einfach normal. Das Weltuntergangsszenario wurde von Kai Meyer gut und sehr ideenreich umgesetzt. Sein Schreibstil ist seit jeher einzigartig, sehr klar, gut zu lesen und trotzdem nicht "platt".
Ich bin froh dieses Buch gelesen zu haben und fühle mich in Kai Meyer als einem meiner Lieblingsautoren bestätigt. Ich habe bis jetzt noch kein Buch von ihm gelesen welches mir nicht gefallen hat. Dennoch sehe ich Phantasmen nicht als mein Lieblingsbuch von ihm.
 Von mir gibt es 4 von 5 Budgies für diese apokalyptische Geistergeschichte.




Kai Meyer, 1969 in Lübeck geboren, ist als Schriftsteller, Journalist
und Drehbuchautor tätig. Er gilt als ein Vertreter des magischen Realismus – in seinen Büchern verbinden sich historische Ereignisse und Personen mit Elementen aus dem Bereich der Sagen und Mythen. Nach seinem Abitur studierte er einige Semester Film, Theater und Philosophie, bevor er ein Volontariat bei einer Tageszeitung begann. Nach einigen Jahren als Journalist und Filmkritiker beschloss Meyer 1995, zukünftig als freier Autor tätig zu sein. Bereits 1993 hatte er mit „Der Kreuzworträtsel-Mörder“ seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht, der auf einem Fall aus der ehemaligen DDR basierte. Ein Jahr später ließ er „Schweigenetz“ folgen. Mit „Geisterseher“, welches 1995 erschien, gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller. In den folgenden Jahren schrieb Meyer zahlreiche Romane, viele davon bilden ganze Serien. Beispiele hierfür sind etwa die „Doktor Faustus“-Triologie, „Die Nibelungen“, „Die Sieben Siegel“ sowie die Trilogien „Merle und die fließende Königin“, „Die Wellenläufer“, „Wolkenvolk“ und „Sturmkönige“. Zudem schrieb Kai Meyer Drehbücher und war als Co-Autor an der Kreation eines Fantasy-Rollenspiels beteiligt. Bis zum heutigen Tage hat Kai Meyer rund 50 Bücher veröffentlicht, welche in fast 30 Sprachen übersetzt wurden. Die weltweite Gesamtauflage seiner Bücher beträgt mehrere Millionen Exemplare. Im März 2012 erschien der dritte Band der Alchimistin-Saga, "Die Gebannte". Hintergrund: Einige Jahre nach "Die Alchimistin" und "Die Unsterbliche" beschlossen Kai Meyer und sein Verlag (Heyne), die beiden Bände neu aufzulegen. Dafür überarbeitete Kai Meyer die Werke und bekam dabei Lust auf einen dritten Band. Im Frühjahr 2014 erscheint Kay Meyers aktueller Roman "Phantasmen".

1 Kommentar:

  1. Liebe Anja,
    ganz herzlichen Dank! Sehr schöne Rezension, ich freu mich! :)
    Liebe Grüße
    Kai

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